Die Grundidee

Kettenreaktionen des Guten ?

Seit Jahrzehnten gibt es den Spruch: „Viele kleinen Leuten an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Wer sich dagegen mit den Dynamiken von systemischen Mächten beschäftigt, wird schnell desillusioniert feststellen, dass allein die Quantität nicht automatisch eine Veränderung zum Guten bewirkt. Vielmehr muss die Frage lauten: Welche Art von „kleinen Schritten“ lösen gute Folgeeffekte aus?

Hannah Arendt, gesellschaftspolitische Denkerin, spricht von der Gestaltung des „öffentlichen Raumes“. Dieser öffentliche Raum ist ein Ereignisraum der Freiheit, der nicht durch Abhängigkeitsbeziehungen oder Konsumentenverhalten geprägt ist. Man kann diesen Raum nicht institutionalisieren. Er entsteht als etwas geheimnisvoll Schwebendes, sobald sich Menschen selbstbewusst und freiwillig gemeinsam engagieren. In Abgrenzung zu Martin Heidegger und seinem philosophischen Leitmotiv der Mortalität des Menschen (Sein zum Tode) spricht Hannah Arendt von einer Natalität (Geburtlichkeit) und der herausragenden Fähigkeit eines jeden Einzelnen, Anfänge zu setzen. Jeder Mensch, der als Ausdruck seiner Mündigkeit Schritte aus der Masse heraus vollzieht, gestaltet den öffentlichen Raum.

Solche Handlungen können sehr klein sein, aber sie erfordern deswegen nicht weniger Mut. Ein hilfsbereites Verhalten fällt in der Regel leicht, wenn man weit und breit die einzige Person ist, auf die es ankommt. Ganz anders in einer vollbesetzten Straßenbahn. Wenn jemand spontan Hilfe braucht, aber alle anderen um mich herum passiv bleiben, erfordert es Mut, aus der Menge herauszutreten und etwas Gutes zu tun, das kein anderer tut. Eine Atmosphäre von Hilfsbereitschaft, Höflichkeit und Zivilcourage entsteht nicht von selbst. Sie wird durch öffentliche Handlungen, die andere beobachten und nachahmen können, hervorgerufen. Das meint es, Anfänge zu setzen, und damit seine gesellschaftliche Umgebungskultur zu prägen.

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Das Schwungrad – von der Idee zur Umsetzung

Es gibt viele Organisationen, die auf der Suche nach Freiwilligen sind. Und es gibt genügend Bereiche, bei denen man sich engagieren könnte. Die Liste ist endlos. Weil einen die Möglichkeiten leicht überfordern können, versuchen wir bei STC-Bremen weniger von der Not und den einzelnen Bedarfen verschiedener Organisationen her zu denken, sondern von der Einsatzbereitschaft der Freiwilligen. Wir ermutigen Akteure, mit offenen Augen durch ihren Stadtteil zu gehen und eine Aufgabe zu finden, für die sie sich einbringen möchten.

Der innerste Motor von gelingenden Projekten ist die Entstehung eines Wir-Gefühls zwischen den Ideen gebenden Teamleiterinnen und -leitern (wir nennen sie: Team-Captains), dem Personal in Einrichtungen, den begünstigten Personen und den Akteuren im Aktionsteam. Je vielfältiger eine Aktion ist, desto mehr Leute können sich über das Tun des Guten kennenlernen und desto höher ist die Weitung des eigenen Blickfeldes. Das Engagement aller wird dabei unterstützt durch Spendengelder, eine absichernde Trägerstruktur, Foto- und Filmdokumentationen und der ständig aktualisierten Website.

STC ist eine Rahmenstruktur, durch die einzelne soziale Ideen in konkrete ergebnisorientierte Taten verwandelt werden können. Insbesondere wenn Team-Captains ihre eigenen Ideen realisieren möchten, bleiben sie bis zum Abschluss einer Aktion motiviert. Eine solche Vorgehensweise stärkt die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Es fördert eine den Menschen zugewandte Engagementkultur.

 

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Vier Ebenen einer gelungenen Aktion

Nicht alle Projekte laufen gleich gut. In einzelnen Fällen kommt es vor, dass sich Freiwillige überfordert oder ausgenutzt fühlen. Aktionsideen, bei denen sich so etwas abzeichnet, lehnen wir im Vornherein bereits ab. Auf der anderen Seite gibt es Aktionen, bei denen Beteiligte beschreiben, dass sie viel Gewinn hatten und innerlich berührt wurden. Uns scheint, dass gelingende Aktionen folgende vier Ebenen beinhalten:

1. Materielle Ebene - Sichtbare Ergebnisse

Die meisten STC-Aktionen bestehen aus überschaubaren Handlungen mit einem konkreten Ergebnis: Gestrichene Wände, eine gesäuberte Gartenanlage oder reparierte Fahrräder. Der Fokus auf einfache Hilfshandlungen und das sichtbare Ergebnis geben dem Kurzzeit-Engagement sein Profil und lösen die Startmotivation zum Mitmachen aus.

2. Soziale Ebene - Neue Kontakte

Diejenigen, die sich schon mehrfach beteiligt haben, wissen, dass das gemeinsame Tun neue Kontakte zu anderen freundlichen Menschen hervorbringt. Besonders spannend ist es, wenn soziale Barrieren überwunden werden: Ein erster Schritt in ein Übergangswohnheim für Geflüchtete oder eine direkte Begegnungen auf Augenhöhe mit Leuten, die auf der Straße leben.

3. Psychologische Ebene - Veränderte Wahrnehmung

Im Rückblick erleben die Akteure, dass sie nicht nur etwas gegeben haben, sondern bei ihrem Einsatz viel empfangen: Eine veränderte Wahrnehmung für ihre Stadt und die unterschiedlichen Menschen, die darin leben. Das weitet das Herz und reduziert Vorurteile.

4. „Spirituelle Ebene“ - Glückliche Momente

Die vierte Ebene ist am Schwersten zu beschreiben. Gemeint sind besonders intensive Momente, bei denen Beteiligte das Glück erleben, mit anderen etwas Sinnvolles getan zu haben. Es ist die Freude darüber, dass man auch mit einem kleinen Beitrag das Klima der Stadt zum Guten fördern kann.

Beispiel: Nikolaus für Geflüchtete

Am Beispiel eines stadtweiten Willkommensgrußes für geflüchtete Menschen lässt sich das Zusammenspiel dieser vier Ebenen sehr gut erläutern. Auf der materiellen Ebene geht es um kleine Tüten gefüllt mit Süßigkeiten. Diese werden am 6. Dezember, dem Nikolaustag, im gesamten Stadtgebiet an alle Bewohnerinnen und Bewohner von Übergangswohnheimen verteilt. Die Süßigkeiten-Tütchen sind ein Anlass, die soziale Barriere in ein Übergangswohnheim hinein zu überwinden und den Willkommensgruß zu überreichen. Das ermöglicht viele Erst-Kontakte zu den Geflüchteten, aber auch zu den Heimleitungen. Eine solche Erfahrung wiederum verändert die eigene Wahrnehmung. Das gesellschaftspolitische Thema „Umgang mit Flüchtlingen“ wird viel aufmerksamer verfolgt. Vorurteile werden abgebaut und eine innere Offenheit für Menschen in Not wächst. Besondere Momente entstehen, wenn wir z.B. von Kindern begleitet gemeinsam mit Bart und Mütze verkleidet und mit einem Gong ausgestattet durch die Flure gehen und die überraschten und strahlenden Gesichter erleben.